Der App-Fall auf CARTA
Wenn man Apple mit Birnen und Currywursten vergleicht.
Ob nun Musik, Literatur oder Computeranwendung: dreissig Hundertstel vom Verkaufspreis will Apple an jedem Inhalt verdienen, der über die hauseigenen Stores an den Endkunden gelangt. Viel Asche, findet Matthias Schwenk(1) in seinem Artikel Apple in der Abofalle? im neuerdings leider nur noch unregelmäßig lesenswerten CARTA(3).
Dabei orakelt Schwenk mutig, dass
[...] Apple sich als eine Art Mautstelle für mehr oder weniger alle Content-Verkäufe über Applikationen inthronisieren will. […] Am Ende mag hinter der harten Haltung Apples der Versuch stehen, endlich die Umsätze mit dem Verkauf von Inhalten sowie der Umsatzbeteiligung an den Verkäufen Dritter in den nächsten Jahren signifikant zu steigern und so die hohe Abhängigkeit vom Geschäft mit Hardware zu reduzieren.
Na gut – ob das so sein wird oder nicht, steht im Kaffeesatz. Die Grenze zum Humorismus überschreitet dann jedoch jene Schlussfolgerung, in der Schwenk den Aufstand der Autoren vorhersagt:
Gut vorstellbar ist, dass Apple nicht nur von erbosten Zeitungsverlegern Gegenwind bekommt, weil diese meinen, von 70 % Umsatzanteil nicht leben zu können, […] auch die Applikations-Entwickler könnten Protest anmelden und damit drohen, zu Android oder gar Windows Phone 7 überzulaufen.
Gewagt! Ein Massenexodus der Programmierer, weg von einem 160 Millionen(2) Mann und Frau starken Publikum und hin zu einem nicht existenten Wettbewerb? Weil Sie “nur” sieben Zehntel der Umsätze behalten dürfen anstatt … ja, anstatt was eigentlich?
Der Kommentar des Herrn Maschinisten bringt es auf den Punkt:
Meine Güte! Wie konnte sich die Pressefreiheit nur in die Jetztzeit retten, obwohl sich Papierhersteller, Druckereien und Pressevertrieb Geld für ihre Tätigkeiten zu verlangen erdreisteten.
Und jetzt will auch noch Apple Geld sehen, nur weil die anderen Faktoren wegfallen und das bisschen Hardware entwickeln, Software schreiben und Serverfarmen betreiben doch quasi umsonst und viel zu trivial für deutsche Edelfedern ist.Daher: Schnell umsatteln auf Windows Phone, denn wir alle kennen Microsoft ja als stets offen in alle Richtungen und bis zur Unkenntlichkeit selbstlos. Und Android erst! Marktanalysen haben doch ergeben, dass der Nutzer nichts mehr will als Versionschaos, Updates mal ja, mal da und dezentrale Verwaltung sämtlicher Medien. Selbstverständlich wird Google die deutschen Verleger für diese Großherzigkeit vergüten, statt so schamlos und dreist abzukassieren.
Sie sagen es, Herr Maschinist.
Ja, es schmerzt, dass es tatsächlich doch einem Konzern gelungen ist, ein paralleluniversales Internet zu schaffen, in dem die Monetarisierung von Content gelingt. Diese Kapitalistenschweine!
Es lässt sich wirklich reichlich finden, für das man Apple zu recht, dauerhaft, ganz einfach und weitestgehend gegenwindfrei kritisieren kann, aber dieses Mal hat Herr Schwenk es einfach nicht hinbekommen, die Knarre rechtzeitig aus dem Gürtel zu fummeln … und stattdessen das ganze Magazin in den eigenen Fuß entleert.
Und weil eine nach draußen gehängte “Greedy Apple” – Leuchtreklame auch immer subito die Motten anzieht, dauert es gar nicht lange, bis der sich übervorteilt Fühlende prominente Unterstützung aus der mathematischen Trickkiste von Christoph Kappes(1) bekommt, der die unverschämten 30% für Apple nochmals um ein Drittel hochkatalysiert:
Vor allem die Endkundenperspektive: Apple schlaegt 43% für eine Leistung auf, die sonst maximal 20% kostet!
Endkunden wird das irgendwann auffallen, dass sie die Zeche zahlen.
Nun ja, bei den Markenartikeln aus der Privatfernsehwerbung ist dies auch nach einem Vierteljahrhundert noch nicht geschehen.
Doch davon abgesehen ist die Aussage schlichtweg falsch. In der gesamten Vertriebswelt liegen die Aufschläge durchaus gern mal bei 30 – 50% für den nicht unerheblichen Mehrwert, dass jemand das Zeug hinstellt, das ein anderer herstellt. Und im App-Fall wird die Ware gar noch einer individuellen Funktionsprüfung unterzogen.
Aber so ist das nunmal mit der deutschen Seele: statt die Hände kräftig zum Applaus zu rühren, dass da wohlmöglich die Tür zum größtem B2C-Content-Direktmarkt der Welt offen steht (noch dazu mit einem Profitsharing, dessen bedingungslose Formel “30:70″ nicht transparenter sein könnte), drischt man lieber ganz grundsätzlich auf den gierigen Alleshändler aus Cupertino ein. Und auch Herr Schwenk räumt freimütig ein, dass er sich vor allem eben deswegen des Themas angenommen hat:
@Jens Würfel: Sollte ich mir tatsächlich in den eigenen Fuß geschossen haben, glauben Sie mir, den Schmerz spüre ich schon lange nicht mehr. Steve Jobs macht was er will, die Konsumenten rennen ihm kritiklos hinterher und die Verleger bzw. Medienhäuser schaffen es nicht im Ansatz, eigenständige und unabhängige Lösungen zu schaffen. […] Seit einiger Zeit beobachte ich auch mit sehr gemischten Gefühlen, wie in iTunes die Preise für Musik in der Tendenz leicht nach oben gehen. Spätestens jetzt ist auch klar warum: Mit der neuen Regelung, wonach jeder Wettbewerber seine Inhalte (die auch Musik sein kann) auch innerhalb seiner App anbieten muss und Apple davon 30 % einbehält, hält man sich die Konkurrenz vom Leib und gewinnt Spielraum für eigene Preiserhöhungen.
Ja, ganz ehrlich, Herr Schwenk, und ebenso ganz ohne Häme oder Hohn habe ich allmählich auch den Eindruck, dass Sie den Schmerz nicht mehr spüren.
Und das ist m.E. doch der Zeitpunkt, mal mit dem Ausprobieren von Therapien anzufangen, insbesondere da auch CARTA betroffen ist. Die Fakten sind doch:
- Carta ist unterfinanziert, Flattr und Kachingle wohl eher begrenzt wirksam
- Carta hat aktuell 1.923 FB-Fans
- Carta hat keine App im App-Store
Warum, um alles in der Welt, verschwenden Sie hier Ihre Zeit mit dem Lamentieren über Apple’s langjährigen Markterfolg (der im übrigen auf Qualität basiert, die die Preise per se rechtfertigt, den ohne Qualität geht’s in dem Segment nicht), anstatt damit anzufangen, einen Teil Ihrer Inhalte z.B. über eine CARTA-App mit In-App-Kaufoption anzubieten?
- 100% von € 0,00 ist € 0,00
- 70 % von € 0,99 ist € 0,69
Keine Ahnung, ob und wie viel Ihrer knapp 2.000 Fans bereit wären, für Carta (oder Teile davon) zu bezahlen – mir z.B. wäre es das wert.
Probieren Sie doch erstmal die Auster – wenn Sie Ihnen nicht schmeckt, spucken Sie sie eben wieder aus!
Aktuell aber reihen Sie sich lediglich in eben jene journalistische Klagemauer ein, die Ihre Co-Autoren an anderer Stelle gern hier kritisieren. Und das kann ich nicht begreifen.
Zu beklagen, dass Steve Jobs seit Jahr und Tag weiter denkt als von der Tapete bis zur Wand, ist ebenso sinnlos wie neidgeprägt. Er hat Ihnen einen Kiosk vor die Nase gestellt, der Sie nur dann etwas kostet, wenn Sie auch etwas darin verkaufen – nutzen Sie ihn oder gehen sie drumrum!
Bevor Herr Kappes meiner Einschätzung zu CARTA zustimmt, traut sich nun den Gedankensprung vom App-Store zur Würstchenbude, springt dabei aber behende aus der Hersteller- in die Käuferperspektive:
Wenn mir die Currywurst für 7 EUR zu teuer ist, dann sage ich, dass ich das für Nepp halte. […] Insgesamt was uns hier angeht, haben Sie aber recht. 1:0. für Sie.
Die Antwort des Herr Maschinisten folgt prompt:
Warum zahlen Leute eigentlich mehr für Apples Hardware, nur um dann damit Apples überteuerte Inhalte zu nutzen – und sind dennoch zufrieden bis begeistert?
Und wie zum Teufel konnte diese Fast-Pleite-Firma das in 10 Jahren in dieser sich rasant entwickelnden Branche tun?
Evtl. weil sie sich Fragen stellen auf die deutsche Verleger vor lauter Lamentieren niemals kommen können – und auch noch Antworten darauf liefern?
Wo bleibt eigentlich der Kiosk für das WeTab?
Eben.
Eben.
Mir geht es aber um etwas anderes, denn wir führen hier eine Autorendiskussion und keine Konsumentendiskussion, und es ist mir wichtig, das an dieser Stelle nochmals zu verdeutlichen:
- Ich habe vor rund 25 Jahren zusammen mit meinem Freund Sören Pahl meine beiden ersten Bücher veröffentlicht.
- Die Autorentantiemen belaufen sich auf 6% auf die Auflage vorab bzw. 10% nach verkauftem Exemplar. Da es Theaterstücke sind, gibt es diese nur im Versand beim Verlag direkt (also keine Buchhandelsmarge). Der Verlag behält also 90 – 94% des Umsatzes ein.
- Sollte das aufführende Theater mehr als eine Vorstellung geben, erhalten die Autoren von den weiteren Aufführungstantiemen 50%; der Verlag behält ebenfalls 50%, ohne dass er eine erneute Leistung für den Autoren erbracht hat, denn die Zahl der Aufführungen steht mit der Verlagsarbeit in keinerlei Zusammenhang.
- Ich habe weder ein Mitspracherecht beim Preis des Rollensatzes noch bei der Festlegung der Tantieme.
Mit fallen für diese Prozedur Begriffe ein wie “Wegelagerei, Ausbeuterei, Sauerei”. Trotzdem bin ich natürlich (!) den Deal eingegangen, denn erstens war ich damals 15 und stolz wie Oskar, zweitens hatte der Verlag seinerzeit eine marktbeherrschende Stellung und drittens hätte ohne die Aufnahme in dessen Katalog mangels vernetzter Welt niemals jemand von unserem Zeug erfahren. Und unser Vampire waren auch nur Menschen ist inzwischen ja auch ein echter Evergreen geworden.
Würde ich das heute noch einmal so machen?
Auf keinen Fall.
Aber nur, weil ich es nicht mehr muss. Zwischenzeitlich haben nämlich große (und naturgemäß ausnahmslos undeutsche Unternehmen) dafür gesorgt, dass mein Kuchenstück erheblich größer wird:
- Bei Amazon bekomme ich – sehr grob vereinfacht – im elektronischen Eigenverlag schon einmal 30%, in den USA und UK je nach VK sogar bis zu 70% – allerdings abzüglich Datentransfergebühren.
- Die Baumobstfirma zahlt aktuell aber am besten: nämlich 70% fix. Ohne zusätzliche Gebühren für Datentransfer, Zahlungsabwicklung und One-Klick-Purchase. Das nenne ich autorenfreundlich! Zum jetzigen Zeitpunkt meines Wissens nach der beste Deal am Markt – weltweit!
Drum wundert es mich, dass ausgerechnet auf denjenigen eingedroschen wird, der derzeit am spendabelsten ist.
Wenn Google jetzt auf 10% runtergeht – ja, wundervoll! Mach ich! Allerdings: ob die es schaffen, noch ein Paymentsystem am Markt zu etablieren, bleibt erst einmal abzuwarten.
Entscheidend ist aber vor allem das Ende der Vertragsexklusivität: als Autor muss mich noch nicht einmal mehr auf einen Verlag/Vertriebsweg beschränken, sondern kann anbieten, wo ich will. Soviel Freiheit und Marge gab es noch nie. Schauen Sie nur, wie die allein die Musikerszene von iTunes und Co. profitiert hat. Wer veröffentlichen will, ist nicht länger auf wohlwollende, einflussnehmende und zudem rechtlich national beschränkte Verlage angewiesen.
Das war jetzt die Autorensicht (Inhaltslieferant) – und um die ging es Herrn Schwenk hier. Ihr Currywurstvergleich, Herr Kappes, zielt jedoch auf die Lesersicht (Inhaltskonsument); dem aber ist die diskutierte Margenverteilung zurecht vollkommen schnuppe.
Vollkommen bei Ihnen bin ich freilich, wenn es um das Preisleistungsverhältnis geht, das mich als Endkunde betrifft: trotz fünfzehn Jahren professionell bedingter Apple-Kundschaft habe ich bis heute kein iPhone, weil für mich sowohl Ladenpreis wie Providerbindung als auch Höhe und Vertragsdauer der Monatsflats absolut indiskutabel waren – “Nepp”, wie sie sagen. Millionen von anderen jedoch kaufen die Currywurst für 7 Euro nicht nur, sondern aktualisieren sie auch noch regelmässig auf die neueste Version. Irgendwie scheint sie zu schmecken … dauerhaft.
In dem Zusammenhang nochmals zurück zu Herrn Schwenk: Ihr Wunsch nach einer verlegerseitigen Bezahllösung bleibt für mich vollkommen unnachvollziehbar. Warum sind Sie nicht froh, aus der Verlegerzange rauszukommen? Genau da liegt doch der Hund begraben! Jedes bestehende externe System verschafft Ihnen als Autor doch zwangsläufig mehr Freiheit und Honoraroptionen als jedes neue System, welches erst wieder aufwändig etabliert werden muss und wieder nur eine Insellösung darstellt.
Ein Bezahlmodell/-system muss meiner Einschätzung nach drei Kriterien erfüllen, wenn es erfolgreich sein will:
- es muss einfach … nein, ich korrigiere mich: einfachst zu bedienen sein,
- es muss produktübergreifend nutzbar sein, also nicht etwa nur für digital content,
- es muss von möglichst vielen genutzt werden,
- schön, aber für den Erfolg nicht zwingend nötig wäre es, wenn es auch noch gebührenarm wäre.
Wie jeder weiß, ist da PayPal im Moment ganz vorn, huckepack erfolgreich geworden durch die ebay-Integration.
Und das übertragen Sie jetzt bitte mal dem Gedankenspiel zuliebe in die Apple-Welt:
- 150 Millionen iTunes-, App- und iBook-Store User mit hinterlegtem Bankaccount(2)
- ein zehnstelliger Betrag auf Apple’s Kriegskassensparbuch
- das iPhone als eWallet in naher Zukunft ist wahrscheinlich
Was würden Sie dann tun, wenn Sie Apple wären? Mir kommt als nächstes “one more thing” der Begriff “iBank” in den Sinn …
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Historie:
- Originalbeitrag vom 17. Februar 2011
- (1) Nachtrag vom 20. Mai 2011: Zu meinem ausdrücklichen Bedauern sind inzwischen sowohl Matthias Schwenk als auch Christoph Kappes bei CARTA ausgestiegen.
- (2) Nachtrag vom 7. Juni 2011: Anlässlich der Keynote zur WWDC 2011 gab Apple bekannt, dass die Anzahl sämtlicher mit Bankaccount registrierter Kunden in den Online-Stores des Unternehmens auf 225 Millionen erhöht hat. Das wäre dann ganz grob überschlagen ungefähr jeder 30. Bewohner des Planeten Erde; zieht man U18- und Ü80- jährige noch davon ab, ist gar jeder 20. Erdenbürger Kunde bei Apple.Und was die neue iOS5-Anwendung Newsstand angeht, mit der Apple das automatische Abonnieren von digitalen Zeitschriftenausgaben ermöglicht: auch hier zeigt sich zumindest die deutsche Verlagslandschaft wieder einmal verschnupft, wie DWDL am Tag nach der WWDC zu vermelden weiß.
Der amerikanischen EicheDem amerikanischen Apfelbaum dürfte das relativ schnuppe sein. - (3) Nachtrag vom 9. Juni 2011: CARTA’s last man standing Robin Meyer-Lucht folgte heute der Tradition von Ferrero Rocher und MonCheri und schickte CARTA in die Sommerpause. Durch den gehäuften Einsatz präteritaler Zeitformen liest sich seine Urlaubsankündigung jedoch eher wie eine Nachruf:
Carta hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren viel zum Diskurs um Medienwandel und digitale Öffentlichkeit beigetragen. Um Carta ist auch ein Netzwerk und – in guten Momenten – auch eine Art Lebensgefühl entstanden. Aber manchmal lohnt es sich auch innezuhalten und zu fragen, was man erreicht hat.
Mein Dank für die bisherigen fantastischen zweieinhalb Jahre Carta gilt vor allem den Herausgebern und Autoren, [...] Design und [...] technische Betreuung.Vergessen Sie die Leser und Kommentatoren nicht, Herr Meyer-Lucht! Sie waren es, die die Diskussion ausmachten und letztlich für die Verbreitung sorgten.
Das sind sie immer.
Den vollständigen Beitrag samt lesenswerter Diskussion finden Sie hier: Apple in der Abofalle? auf CARTA






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